Jessica Durlacher sechster Roman "Der Sohn" ist ihr bisher bester, meint Rezensent Martin Halter. Er liest hier die Geschichte der jüdischen Familie Silverstein, die von den Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern im Holocaust bis in die Gegenwart verfolgt wird: Nach dem Tod ihres Übervaters Herman, der seine Eltern nicht vor der Deportation ins Konzentrationslager schützen konnte, überträgt die Erzählerin Sara den väterlichen Beschützerwahn auf ihre eigenen Kinder Tess und Mitch und erlebt doch quälende Hilflosigkeit, als sie selbst überfallen, ihr Mann niedergeschossen und ihre Tochter vergewaltigt wird. Dennoch reagiert sie schockiert und verärgert, als sich ihr Sohn in einem Bootcamp zum Afghanistan-Kämpfer ausbilden lässt, um Rache am Peiniger seiner Familie zu nehmen. Dem Kritiker erscheinen Durlachers in der Erzählung gezogene Lehren zwar teilweise etwas "grobschlächtig" und literarisch "wenig subtil", dennoch ist er höchst beeindruckt von der psychologischen und bisweilen provokativen Tiefe und Emotionalität, mit der die niederländische Autorin nicht nur die Mutter-Kind-Beziehung, sondern auch die Geschichte der Täter schildert. Darüber hinaus hat er in diesem mit Thrillerelementen angereicherten Familienroman viele interessante Gedanken gelesen.