Streng geht Burkhard Müller mit Bernhard Schlinks jüngstem Buch ins Gericht. Der Autor lässt darin einen begnadigten RAF-Terroristen mit alten Weggenossen ein Wochenende in Brandenburg verbringen, wo sie sich über die alten Zeiten unterhalten, fasst der Rezensent zusammen. Hier wird die Vergangenheit im Geist des "Klassentreffens" zu bewältigen gesucht, und wenn die Freunde von damals nostalgisch über Aktionen von einst plaudern, atmet das für den abgestoßenen Müller die Atmosphäre von Pennälerscherzen. Die Figuren bleiben genauso leblos wie ihre Erklärungsversuche, was ihre radikale Vergangenheit angeht, und der Rezensent wirkt regelrecht angewidert vom "Besinnungsaufsatz"-Ton, der sich nicht selten in dem Buch Bahn bricht. Entlarvend findet Müller, wie Schlink die Täter von einst für ihre Verbrechen büßen lässt, so wird der begnadigte Terrorist von Prostatakrebs heimgesucht. Als im hohen Maße unaufrichtig und unangenehm gut gemeint empfindet der Rezensent diese Auseinandersetzung mit den mordenden RAF-Aktivisten und ihren Sympathisanten und deshalb wünscht er diesem Buch boshaft auf den Hals, dass es zur Schullektüre werde und man ihm - zur Strafe - die "gelangweilte Verachtung" angedeihen lässt, die es seiner Ansicht nach verdient.