Martin Halter ist dem "Fräuleinwunder der belgischen Literatur" verfallen, jedenfalls hört es sich so an, wenn er von der verführerisch-schönen Bösartigkeit der Amélie Nothomb schwärmt: "Das sanfte Rouge ist Blut, der Lidschatten schwarzviolett schillernder Zynismus, und der Puder mädchenhaft-koketter Bleichheit übertüncht morbide Perversionen und diabolische Provokationen." Eine Getriebene sei sie, die jährlich drei Romane schreibe, philosophische Thriller, die sich wie wild verkaufen und in denen zumeist ein aufdringlicher, fetter Widerling den "dünnen Firnis" der Zivilisation zerreibt, der irgendwelche unbescholtenen Bürger von ihren eigenen Abgründen trennt. Der Rezensent macht keinen Hehl daraus, Mitglied in Mademoiselles Fangemeinde zu sein, dennoch ist er von ihrer neuesten Bosheit nicht restlos begeistert. Zuerst sei alles noch wunderbar vieldeutig: Ein Fremder drängt einem Geschäftsmann auf dem Flughafen seine abartige Lebensgeschichte auf ("wie er als ungeliebtes, einsames Kind Katzenfutter aß, um sich an Gott und den Menschen zu rächen ..."), in der es um Vergewaltigung und Mord geht. Dann aber, bedauert Halter, macht der Roman aus dem Quälgeist einen Schizophrenen, und die schöne böse Geschichte gehe den Bach der Küchenpsychologie runter. Dennoch: Auch hier gibt es genügend "grimmige Pointen", um die Faszination des Rezensenten für die "raffinierte Teufelin" Nothomb anzuregen.