Wieder ein kleines, aber dadurch nicht weniger interessantes Mosaiksteinchen aus der deutschen Vergangenheit, geprägt von unverwechselbarem Lokalkolorit und vielleicht durch seine Einfachheit und scheinbare Bedeutungslosigkeit an Bedeutung gewinnend, so stellt Stephan Reinhardt uns den neuen Roman von Wulf Kirsten vor. Die Rezension gibt Einblick in die Vorgehensweise des Autors, der seine Kindheit auf einem Dorf bei Meißen beschreibt. Das Bemühen um Genauigkeit, so erfährt der Leser, begnügt sich nicht mit der eigenen Erinnerung. Sie schließt Befragungen anderer ein, und wo das eigene Gedächtnis oder das der Befragten versagt, werden vorsichtige Vermutungen angestellt. Reinhardt vermittelt, dass es sich bei Kirsten um einen wichtigen Zeitzeugen handelt, der nicht nur Ereignisse, sondern auch regionale sprachliche Besonderheiten für die Nachwelt aufbewahrt, die anders verschütt gegangen wären. Er bedauert, dass die Erinnerungsarbeit dieses `bedächtigen, wortmächtigen - an Bobrowski und Huchel geschulten - Erzählers` nicht auch die Jahre 1946/47 einschließt.