Wulf Segebrecht gibt seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass Reiner Kunze in einer jüngst erschienenen Gedichtanthologie mit "bedeutenden" Lyrikern des 20. Jahrhunderts" nicht vorkommt und fragt sich, ob dieser einst mit dem Büchnerpreis ausgezeichnete Autor sogar bewusst ausgespart wurde. Im jüngsten Gedichtband Kunzes, "lindennacht", findet der Rezensent nicht nur, wie er meint, Bekenntnisse zu parteifreundlichen Gedichten, die Kunze beispielsweise für die 1959 erschienene Lyrikanthologie der Nationalen Volksarmee der DDR verfasste. Zugleich entnimmt er ihm mit dem ersten Gedicht dieses Bandes auch das "poetische Programm" Kunzes, das mit geradezu "revolutionärem Impetus" nach einer Schönheit strebt, die sich nicht im bloßen Abbilden der Natur erschöpft, wie Segebrecht betont. Das Gedicht, das sich noch einmal mit der Rechtschreibreform auseinandersetzt, gegen die sich Kunze bereits mit einem scharfen Essay gewandt hat, scheint dem Rezensenten dagegen etwas belanglos. Die Verse schließlich, mit denen der Lyriker sich asiatische Gedichtformen wie den japanischen Haiku oder den koreanischen Sidcho aneignet, werden Kenner und Liebhaber dieser Kurzformen wahrscheinlich nicht zusagen, wie der Rezensent vermutet, dafür können sie als Versuche in Richtung einer "Globalisierungspoetik" gelten, mit der Segebrecht offensichtlich ganz einverstanden ist.