Heiß wird in Politik und Philosophie über Gleichheit und Ungleichheit debattiert. Allerdings unbefriedigend, findet die Rezensentin Regina Kreide - nämlich mit "Detailschutzbrille" oder "Anwendungskneifzange". Umso interessanter, dass nun zwei Bücher zum Thema erschienen sind, die der Gleichheit einen anderen Platz als in der öffentlichen oder fachlichen Diskussion zuweisen, erzählt Kreide in ihrer Doppelbesprechung. Beide Autoren bestreiten den uneingeschränkten Anspruch auf Gleichheit vor Individualität und persönlicher Freiheit. Beide halten Gleichheit für ein flexibles Gerüst. Die Ausführungen der Autoren sind allerdings von unterschiedlicher Qualität, meint Kreide. Und scheinen auch recht kompliziert zu sein. Jedenfalls zeigt das die schwer verständliche Rezension von Regina Kreide.
1) Christoph Menke: "Spiegelungen der Gleichheit"
Die gleiche Berücksichtigung - nicht Gleichmacherei oder Gleichverteilung - jedes Einzelnen ist das zentrale Anliegen des Autors, berichtet die Rezensentin. Das erfordere Verständnis für die Wünsche, Bedürfnisse und Pläne des Individuums. Aber auch, allen Individuen gerecht zu werden. Das ist schwierig und zieht eine neue Definition des Gleichheitsbegriffs nach sich. Nur welche? Problematisch, meint die Rezensentin. Sie findet Menkes "filigrane Verknüpfungen von Gleichbehandlung und der Öffnung für deren negative Begleiterscheinungen durchaus theoretisch bestechend", aber sie befürchtet, dass der Anspruch auf gleiche Beachtung der Rechte eines Jeden zugunsten individueller Befindlichkeiten auf der Strecke bleibt. Damit wären wir beim Ausgangspunkt, ohne eine Lösung erfahren zu haben. Jedenfalls lässt sich keine aus der Rezension von Kreide ableiten.
2) Herlinde Pauer-Studer: "Autonom leben"
Herlinde Pauer-Studers Ausführungen haben der Rezensentin wesentlich besser gefallen. Ein großes Verdienst der Autorin sei es, begriffliche Ordnung in die politische Philosophie zu bringen, so Kreide. Denn Pauer-Studer betrachte Gleichheit neben drei weiteren Aspekten: Freiheit, Autonomie und Achtung. Akribisch und trennscharf zeige die Verfasserin verschiedene Bedeutungen und Verschränkungen dieses philosophischen Quartetts, lobt die Rezensentin. Gleichheit habe für Pauer-Studer eine rein instrumentelle Funktion, nämlich als soziale und ökonomische Grundlage für die Freiheit des Individuums. Gleichheit sei hier Verteilungsgleichheit. Mehr nicht. Alles andere sollte in der Entscheidungsmacht eines jeden Individuums liegen - etwa auch die Gestaltung der Rollenverteilung bei Mann und Frau, berichtet Kreide. "Autonom leben" komme einer differenzierten Betrachtung des Gleichheitsbegriffes schon recht nahe - aber ein Ende der Debatte über Gleichheit und den Anspruch auf individuelle Lebensgestaltung ist auch hier nicht in Sicht, lautet das Fazit der Rezensentin.